Mattheson: Vollkommener Capellmeister - 2. Teil, Kap. 13 (b)

Inhalt

  1. Menuett
  2. Gavotte
  3. Bourrée
  4. Rigaudon
  5. La Marche
  6. Die Entrée.
  7. Gigue
  8. Polonoise
  9. Angloise
  10. Passepied
  11. Rondeau
  12. Sarabanda
  13. Courante
  14. Allemanda
  15. Aria
  16. Fantasie
  17. Ciacona, Chaconne
  18. Ouverture
  19. Sonata,
  20. Concerto grosso
  21. Die Sinfonia, Symphonie

[Gattungen der Instrumentalmusik:]

<223> §. 79. Oben ist schon erwehnet worden, daß bey Instrumental=Sachen alles beobachtet werden müsse, was die Setz=Kunst von den Vocal=Melodien erfordert; ja, offt ein mehres. Solches wird hiemit bekräfftiget, da wir zu den Spiel=Melodien und deren Gattungen schreiten. Denn <224> da hat man erst auf die Gemüths=Neigungen zu sehen, die mit blossen Klängen, ohne Worte, ausgedruckt werden sollen; hernach auf die Einschnitte der Ton=Rede, wobey die Worte uns den Weg nicht weisen können, weil sie nicht gebraucht werden, drittens auf den Nachdruck, auf die Emphasin; viertens auf den geometrischen; und fünfftens auf den arithmetischen Verhalt. Man sehe nur die allerkleineste Melodie an, so wird sichs wahr befinden.

§. 80. Wie nun in der gantzen Natur und allem erschaffenen Wesen kein eintziger Leib ohne Zergliederung recht erkannt werden mag: so will ich immer der erste seyn, der eine Melodie zerleget und ihre Theile ordentlich untersuchet. Zur Probe solls fürs erste einem Menuetgen gelten, damit iedermann sehe, was ein solches kleines Ding im Leibe hat, wenns keine Misgeburt ist, und damit man von geringen Sachen auf wichtigere ein gesundes Urtheil fällen lerne.

<224> §. 81. Es hat I. Le Menuet, la Minuetta, sie sey gemacht

zum Spielen,

zum Singen,

zum Tantzen,

insbesondre keinen andern Affect, als eine mässige Lustigkeit. [...]

[...]

<225> §. 85. Wer ein Menuet zum Clavier haben will, der schlage nur [...] Kuhnauens, Händels, Graupners etc. Handsachen auf, so wird er, um den Unterschied der dreien Menuet=Arten zu finden, nur fragen dürffen, ob sich daselbst befindliche Melodien dieser Gattung zum Tantzen, oder zum Singen wol schicken? Und der erste Blick wird ihm mit Nein antworten.

§. 86. Wegen der Sing=Menuetten nehme man weltlich=dramatische Arbeit zur Hand, absonderlich von Welschen und Teutschen Opernmachern, die gar offt setzen: Aria, tempo di Minuetta, ob es gleich allemahl keine förmliche Menuetten sind. Die rechten , aufrichtigen Tantz=Melodien dieser Gattung und ihr wahres Kennzeichen kann man nirgend besser antreffen, als bey den Frantzosen, und ihrer gescheuten Nachahmern in Teutschland, unter welchen Telemann der vornehmste ist. [...]

§. 87. [II. Gavotte:] [...] Ihr Affect ist wircklich eine rechte jauchzende Freude. Ihre Zeitmaasse ist zwar gerader Art; aber kein Vierviertel=Tact, sondern ein solcher, der aus zween halben Schlägen bestehet. [...]

§. 88. Das hüpffende Wesen ist ein rechtes Eigenthum dieser Gavotten; keinesweges das lauffende. Die welschen Setzer brauchen eine Art Gavotten für ihre Geigen, [...] welche offt mit ihren Ausschweiffungen gantze Bögen erfüllen, und nichts weniger, aber wol was anders sind, als sie seyn sollten. [...] Fürs Clavier setzt man auch gewisse Gavotten, die große Freiheit gebrauchen; sie treiben es aber doch nicht so arg, als die gefiedelten.

§. 89. [...]

§. 90. Eine Melodie, die mehr fliessendes, glattes, gleitendes und an einander hängendes hat, als die Gavotte, ist III. Die Bourrée

[...]. <226> daß ihr eigentliches Abzeichen auf der Zufriedenheit, und einem gefälligen Wesen beruhe, dabey gleichsam etwas unbekümmertes, oder gelassenes, ein wenig nachläßiges, gemächliches und doch nicht unangenehmes vermacht ist.

§. 91. Das Wort Bourrée an ihm selbst bedeutet eigentlich etwas gefülltes, gestopfftes, wolgesetzes, starckes, wichtiges, und doch weiches oder zartes das geschickter zum schiben, glitschen oder gleiten ist, als zu mheben, hüpffen oder springen. Hiemit kommen die soeben erwähnten Eigenschafften der Boureen=Melodie ziemlich überein, nehmlich: zufrieden, gefällig, unbekümmert, gelassen, nachläßig, gemächlich und doch artig.

§. 92. [...]

§. 93. [IV. Rigaudon] [...] Dessen Melodie ist [...] eine von den artigsten. Ihre Eigenschafft bestehet in einem etwas tändelnden Scherz. Von den Italienern wird der Rigaudon offt zu Schluß=Chören in dramatischen achen; vonden Frantzosen aber zu absonderlichen Oden und ergetzlichen Arietten im Singen gebraucht.

§. 94. Uibrigens ist der Rigaudon ein rechter Zwitter, aus der Gavot und Bourree zusammengesetzet, um mögte nicht unfüglich eine vierfache Bourree heissen. Doch sind die Umstände und Förmelgen, die Eintheilung, der Umfang, die Abwechselung gantz anders beschaffen. Diese Tantz=Melodie hieß vor Alters in welscher Sprache nur Rigo, welches einen Fluß oder Strom bedeutet, und ich finde wircklich, daß sie bey den Seeleuten sehr gäng und gäbe ist. Also hat fast ein iedes Element, ja es haben Berge und Thal eigene Melodien. Man hat einen bekannten Schiffer=Rigaudon, der mit diesen Worten anfängt: Dans nos Vaisseaux &. Selbiger ist ein recht gutes Muster. Richelet sagt, der Rigaudon komme aus der Provence her: und ich glaube es desto williger, weil das mittelländische Meer daselbst die Gemeinschafft mit Welschland unterhält.

§. 95. Unsre nächste Betrachtung fällt auf den Marsch, oder

V. La Marche, welcher entweder

ernsthafft oder

poßirlich ist.

Seine rechte Eigenschafft ist was heldenmüthiges und ungescheutes; doch nichts wildes oder lauffendes. Daher ist es unrecht gehandelt, wenn man aus allerhand Melodien Marsche machen will. Gemeine Dutzend=Componisten stehen in den Gedancken, ein Marsch könne niernahls lustig genug seyn: traurig, kläglich, jämmerlich und weinend darff man ihn eben nicht machen; doch auch nicht auf den Sprung. Ein Marsch ist eigentlich kein Tantz: und wenn er in Schauspielen gebraucht wird, schreiten die Personen nur gantz langsam daher, ohne tantzen, hüpffen oder springen; doch figuriren sie unter einander, welches wol zu sehen ist, absonderlich von Gewafneten oder Kriegesleuten.

<227> §. 96. Auch hindert es der Ernsthafftigkeit einer solchen Melodie mit nichten, wie manche wähnen, wenn sie gleich die ungerade Tact=Art führet. Lully hat sehr viele Marsche in der ungeraden Zeit=Maasse gesetzet; sich aber stets dabey die stoltzen Abzeichen und das kriegerische Wesen äusserst angelegen seyn lassen. Wie gar zu viel Feuer keinen wahren Held macht; sondern ein gantz unverzagtes, festes Gemüth schier durch nichts beweget, oder aus seinem eigentlichen Sitz gebracht wird, indem es sonst aller klugen Entschliessung gute Nacht saget, und der Hitze den Zügel schiessen läßt; also kan ein melodischer Setzer sich hieraus schon ein Bild machen, nach welchem seine Marsche keinen lodernden Brand, sondern eine muthige Wärme in sich halten müssen.

§. 97. Nun gibt es zwar Fälle, da auch die Marsche ihre Eigenschafft verändern, und sich nach gewissen Umständen einrichten lassen müssen: denn wenn ich z. E. einen Hauffen Arlequins oder andre lustige Brüder, mit einer ernsthafften Melodie einführen wolte, würde solches ungereimt herauskommen; ie lächerlicher der Marsch bey solcher Gelegenheit ausfällt, ie besser ist er. Und dazu gehört auch ein eigenes Abzeichen. Habe ich aber nicht mit satyrischen Personen, sondern mit tapffern Soldaten zu thun, so muß mein Marsch was gesetztes und unerschrockenes darlegen.

§. 98. Mit dem auf Zug und Wachten so nützlichem Spiel hat eine ziemlich=nahe Verwandschafft und doch einen besondern Gattungs=Unterschied

Vl. Die Entrée.

Es muß bey derselben das erhabene und majestätische Wesen allerdings Statt finden; aber sie darff doch so gar hochtrabend nicht einhergehen. Hergegen hat die Entree mehr scharffes, punctirtes und reissendes an sich, als sonst irgend eine andre Melodie; wobey zugleich die Ebenträchtigkeit der Marsche fehlet, oder in etwas abgehet. Ihre herrschende Eigenschafft ist die Strenge, und der Zweck, daß sie die Zuhörer zu solcher Aufmercksamkeit reitzet, als ob recht was fremdes oder neues vorgebracht werden sollte.

§. 99. Die zwo Abtheilungen, wo man die Sätze wiederholet, können bey einer Entree wol etwas länger seyn, als bey einem Marsch: jene leidet auch die ungerade Anzahl der Täcte, weil ihr Wesen nicht fliessend, sondern etwas störrisch ist; dieser hergegen gibt solches durchaus nicht zu, sondern will einen genauen geometrischen Verhalt haben. Ferner macht man auch gerne die beiden Wiederholungs=Theile der Entree ungefehr von einerley Länge; beym Marsch aber ist gemeiniglich der erste dieser Theile kürtzer, als der andre, und was dergleichen noch nie bemerckter Unterschied mehr seyn mag, welchen die Gegenhaltung beider Melodien, nach dieser Anleitung, desto leichter entdecken wird.

§. 100. Eine iede Tantz=Melodie heißt zwar sonst bey den Frantzosen mit dem allgemeinen Nahmen eine Entrée; voraus wann sie bey Schauspielen zu Aufzügen dienet, und die Banden einführet. Aber im besondern Verstande ist es eine solche hyporchematische Gattung, nach welcher offt auch nur eine eintzige Person, mit der grössesten Kunst, Stärcke und Geschicklichkeit, gantz ernsthafft tantzet.

§. 101. Noch eines ist hiebey zum Abzeichen und zum erstenmahl anzumercken, daß nehmlich der Anfang einer Entree, um ihre Ansehnlichkeit desto besser zu zeigen, bisweilen mit der Oberstimme gantz allein gemacht, und der Baß erst, wenn er pausirt hat, nachahmend eingeführet wird, fast auf die Weise, wie offt bey Ouvertüren zu geschehen pfleget. Doch muß die Pause des Basses bey beiden nicht über einen Tact betragen.

§. 102. Diesen ernsthafften Melodien mag nun auch wiederum was frisches und hurtiges folgen, nehmlich

VII. Die Gique [Gigue], mit ihren Arten, welche sind

die gewöhnliche,

die Loure,

die Canarie,

die Giga.

<228> Die gewöhnlichen oder Engländischen Giquen haben zu ihrem eigentlichen Abzeichen einen hitzigen und flüchtigen Eifer, einen Zorn, der bald vergehet. Die Loures oder langsamen und punctirten zeigen hergegen ein stoltzes, aufgeblasenes Wesen an: deswegen sie bey den Spaniern sehr beliebt sind: die Canarischen müssen große Begierde und Hurtigkeit mit sich führen; aber dabey ein wenig einfältig klingen. Die welschen Gige endlich, welche nicht zum Tantzen, sondern zum Geigen (wovon auch ihre Benennung herrühren mag) gebraucht werden, zwingen sich gleichsam zur äussersten Schnelligkeit oder Flüchtigkeit; doch mehrentheils auf eine fliessende und keine ungestüme Art: etwa wie der glattfortschiessende Strom=Pfeil eines Bachs.

§. 103. Alle diese neue Anmerckungen haben ihre Absicht nicht sowol ins besondere auf den völligen Begriff der blossen Täntze, als auf die Entdeckung des darin steckenden Reichthums und dessen gescheute Anwendung, bey einer Menge andrer und wichtiger=scheinenden Dinge: absonderlich bey feinen Singsachen und Ausdrückung der Leidenschafften allerhand Art; alwo unzehlbare ja unglaubliche Erfindungen aus diesen unansehnlichen Quellen hervorkommen. Man dencke dieser Erinnerung nur recht nach.

§. 104. Da gibt es, so wie von einigen der übrigen Melodie=Gattungen auch Arietten a tempo di giga zum Singen: vonehmlich auf die Art der Loures, die keine unangenehme Wirckung thun. Mit der blossen Giquen=Weise kan ich schon vier Haupt=Affecten ausdrücken: den Zorn oder Eifer; den Stolz; die einfältige Begierde und das flüchtige Gemüth. Die Einfalt der canarischen Giquen wird insonderheit dadurch ausgedruckt, daß alle vier Absätze und Wiederkehrungen immer im Haupt=Ton, und in keinem anderen schließen.

§. 105. Es ist auch keinesweges hiebey zu vergessen

VIII. Die Polonoise oder der Polnische Tantz,

in gerader,

in ungerader Tactmaasse.

Man sollte nicht meinen, was für sonderbaren Nutzen diese Melodien=Gattung hat, wenn sie in singenden Stimmen, nicht zwar in ihrer eignen Gestalt; sondern nur auf dem Polnischen Fuß angebracht wird. Doch ist sie, so viel mir wissend, noch von niemand beschrieben.

§. 106. Zwar ist die Tantzweise der Polen nicht unbekannt; doch dürffte iedermann nicht bemercket haben, daß ihr Rhythmus bey gerader Zeitmaasse vornehmlich der [FN: ...] Spondäus ist, mit welchem auch so gar geschlossen wird, das sonst mit keiner Melodie in der Welt, zumahl im fortgesetzten Unisono, geschiehet. Bey ungerader Zeitmaasse verändert sich der Spondäus in den Jambum, so daß bey der ersten Art zwo gleich=lange Noten, oder halbe Schläge in einem Ton; bey der andern aber eine kurtze und eine lange, nehmlich eine Viertel und ein halber Schlag, auch in einem Ton regieren. Ich sage vornehmlich: denn diese Klangfüsse werden gleichwol auch mit andern untermischet, wie aus den Exempeln am besten zu ersehen.

§. 107. Der Anfang einer Polonoise, in genauem Verstande genommen, hat darin was eigenes, daß sie weder mit dem halben Schlage im Aufheben des Tacts, wie die Gavot; noch auch mit dem letzten Viertel der Zeitmaasse eintritt, wie die Bourree; sondern geradezu ohne allen Umschweif, und wie die Frantzosen sagen, sans fa&c

cedil;on, mit dem Niederschlage in beiden Arten getrost anhebet.

§. 108. Wenn ich etwas zu setzen oder solche Worte in Noten zu bringen hätte, darin eine besondre Offenhertzigkeit und ein gar freies Wesen herrschte, wolte ich keine andre Melodien=Gattung dazu erkiesen, denn die Polnische: maassen meines Ermessens hierin ihr wahres Abzeichen, ihr Character und Affect beruhet. Selten lässet sich die Natur und Eigenschafft eines Volcks bey desselben Lustbarkeiten und Täntzen verstecken; ob es gleich bey andrer Gelegenheit geschehen mögte.

§. 109. Wiederum eine sonderbare, zu vielen andern Stücken nützliche Melodien=Gattung, welche zu gantz fremden Einfällen Anlaß gibt, ist

<229> IX. Die Angloise, der Engländische Tantz, dahin gehören:

Die Country=Dances,

Ballads,

Hornpipes &.

Was vortreffliches und dabey seltsames haben diese Tantz=Melodien an sich, welches diejenigen Büchlein bezeigen, die von Zeit zu Zeit in Amsterdam bey Jeanne Roger zum Vorschein kommen, und Sammlungen enthalten. Daselbst kan sich ein jeder von der Gestalt solcher Melodien gute Nachricht holen, und erfahren, daß sie nicht eben aus rückenden Noten bestehen, sondern viel weiter um sich greiffen, schöne fliessende Melodien führen; die Klang=Füsse ungemein beobachten; voller starcken Bewegungen stecken, und in der Ton=Kunst recht=artige Sonderlinge sind.

§. 110. Die Haupt=Eigenschafft der Angloisen ist, mit einem Worte der Eigensinn; doch mit ungebundener Großmuth und edler Guthertzigkeit begleitet. Wer nun diese Gemüths=Bewegungen, absonderlich die erste vorzustellen hat, der lasse sich die Untersuchung solcher Melodien empfohlen seyn, die ihm dazu Anleitung geben, und den choraischen Styl, wie ihn die besagten Country=Dances, zum Grunde legen.

§. 111. Was die Ballads betrifft, so siehet man leicht, daß der Nahm vom Ballet, oder vom Tantz insgemein, herkömmt; aber eigentlich sind es in England melismatische Gesänge, Oden oder Lieder, mit vielen Strophen, die zwar vornehmlich zum Singen gesetzt, doch auch bisweilen zum Spielen und Tantzen gebraucht werden, gleich den frantzösischen Vaudevilles oder Gassenhauern. Man hat von den so genannten Ballads eine ziemliche Sammlung, unter dem Titel: Pillen wieder die Traurigkeit [FN: ...]: worin eine Menge solcher Lieder gedruckt stehen.

§. 112. Die Hornpipen sind scotländischer Abkunfft, und haben bisweilen so was ausserordentliches in ihren Melodien, daß man dencken mögte, sie rührten von den Hofcompositeurs am Nord= oder Süd=Pol her. Wer sie indessen zu untersuchen die Mühe nehmen, und, was er daraus begriffen, zu rechter Zeit wol anwenden will, kan auch schon seinen Nutzen daraus ziehen. Man spielet sie in Scotland auf einem Instrument, das unserer Sackpfeiffe einiger maassen ähnlich ist, und von den Frantzosen Musette genannt, auch nicht so verächtlich gehalten wird, als man wol meinen sollte. Ich will doch zur Probe etwas weniges von solchem scotländischen Tantze hersetzen, weil man sonst in keinem Buche Nachricht davon findet. [Notenbeispiel S. 229]

§. 113. Zu den hurtigen Melodien gehöret noch

X. Le Passepied, entweder

in einer Symphonie,

oder zum Tantzen.

Sein Wesen kömmt derLeichtsinnigkeit ziemlich nah: denn es finden sich bey der Unruhe und Wanckelmüthigkeit eines solchen Passepied lange der Eifer, der Zorn oder die Hitze nicht, die man bey einer flüchtigen Gique antrifft. Inzwischen ist es doch auch eine solche Art der Leichtsinnigkeit, die nichts verhaßtes oder misfälliges, sondern vielmehr was angenehmes an sich hat: so wie manch Frauenzimmer, ob es gleich ein wenig unbeständig ist, dennoch ihren Reitz dabey nicht verlieret.

§. 114. Bey den Schiffsleuten in Frankreich nehmlich in Bretagne, hat diese Tantz=Melodie ihren Ursprung. Das ist gewiß. Ob aber das wanckende und veränderliche See=Element hiebey seinen Einfluß habe, solches will ich ungesagt seyn lassen.

<230> §. 115. Diejenige Art des Passepieds, welche offt in weltlichen Symphonen gebrauchet wird, gewinnet eine andre Gestalt, durch das vorhergehende und nachfolgende in solchen Instrumental=Stücken, und dienet nur statt eines Allegro oder hurtigen Zusatzes: Denn nicht selten schließt sich dergleichen Symphonie, zumahl bey den welschen Setzern, mit einer solchen Tantz=Weise. Die Frantzosen hergegen wenden sie bloß zur Uibung ihrer Füsse an: Uns Teutsche mag nichts hindern, wenn etwa Gemüths=Bewegungen aufstossen sollten, die mit obigen übereinkämen, wenigstens den Rhythmum, wo nicht die Form eines Passepied mitzunehmen.

§. 116. Was die Sauffhelden ein Runda nennen, muß ja niemand mit derjenigen Gattung unsrer Melodien verwechseln, die man wegen ihrer in die Runde gehenden Wiederkehr

XI. Ein Rondeau nennet, solches hat entweder

eine gerade

oder ungerade Zeitmaasse,

und stellet dasjenige in der Tonkunst vor, was in der Dichtkunst durch ein eben also genanntes Reimgeschlecht angedeutet wird. Der 136 Psalm ist, nach seiner Art nichts anders, als ein Rondeau. Luther nennet ihn eine Litaney. Aber eine Litaney ist ein Gebet; Und der Psalm enthält ein Lob der Güte Gottes. Alle Litaneien sind Gebete en Rondeau; Aber alle Rondeaus sind keine Litaneien.

§. 117. Ich wüste nicht, daß diese Art der Melodien, deren Beschreibung in meinem Niedt [?] enthalten, sehr offt zum Tantzen gebraucht worden wäre; Wol aber desto mehr zum Singen, und hauptsächlich zu Instrumental=Concerten. Meines Bedünckens regieret in einem guten Rondeau eine gewisse Standhafftigkeit, oder vielmehr ein festes Vertrauen: Wenigstens läßt sich diese Gemüths=Beschaffenheit sehr gut dadurch vorstellen.

§. 118. Anlangend XII. die Sarabanda, mit ihren Arten zum Singen Spielen und Tantzen: So hat dieselbe keine andre Leidenschafft auszudrucken, als die Ehrfurcht; doch sind oberwehnte Arten darin unterschieden, daß sich die Tantz=Sarabande in engerer und doch dabey viel hochtrabenderer Verfassung befindet, als die übrigen; daß sie keine lauffende Noten zuläßt, weil die GRANDEZZA solche verabscheuet, und ihre Ernsthafftigkeit behauptet.

§. 119. Zum Spielen auf dem Clavier und auf der Laute erniedrigt man sich etwas bey dieser Melodien=Gattung, gebraucht mehr Freiheit, ja, macht wol gar Verdoppelungen oder gebrochene Arbeit daraus, welche insgemein Variationes, von den Frantzosen aber Doubles genannt werden. Mr. Lambert, des Lully Schwieger=Vater, pflegte dergleichen Verkleinerungen, wenn ich so reden darff, auch selbst in Sing=Sarabanden anzustellen. Ein ieder bleibe bey seinem Geschmack; meiner wäre es nicht.

§. 120. Sonst scheinen die bekannten Folies d'Espagne auf gewisse Weise mit zu der Sarabanden=Gattung zu gehören; sie sind aber nichts weniger, als Thorheiten, im Ernst gesagt. Denn es ist wahrlich mehr gutes in solcher alten Melodie, deren Ausdehnung nur eine kleine Quart begreifft, als in allen Mohren=Tänzen, die iemahls erfunden seyn mögen.

§. 121. Jedermann wird wissen, daß es eine Gattung von Instrumental= Tantz= und Sing=Melodien gebe, mit Nahmen

XIII. Die Courante, oder Corrente. Man hat deren

zum Tantzen,

fürs Clavier, Laute &.

für die Geige, und

zum Singen.

<231> Wenn die Courante getantzt werden soll, findet sie ihre unumstoßliche Regel, die der Componist genau in Acht nehmen muß, wenn er sie aus dem Orchester, aus dem Niedt &. ersehen hat. Kein andrer Tact, als der Dreihalbe 3/2 hat dabey Statt.

§. 122. Soll aber diese Melodie dem Clavier dienen, so wird ihr mehr Freiheit vergönnet; auf der Geige (die Viol da Gamba nicht ausgeschlossen) hat sie fast keine Schrancken, sondern suchet ihrem Nahmen, durch immerwährendes Lauffen, ein völliges Recht zu thun: doch so, daß es lieblich und zärtlich zugehe. Die Sing=Couranten kommen der Tantz=Art am nähesten; ob sie wol eigentlich nur das tempo di Corrente, die Bewegung, und eben nicht die gantze Form derselben gebrauchen.

§. 123. Der Lautenisten Meisterstück, absonderlich in Franckreich, ist gemeiniglich die Courante, worauf man auch seine Mühe und Kunst nicht übel anwendet. Die Leidenschafft oder Gemüths=Bewegung, welche in einer Courante vorgetragen werden soll, ist die süsse Hoffnung. Denn es findet sich was hertzhafftes, was verlangendes und auch was erfreuliches in dieser Melodie: lauter Stücke, daraus die Hoffnung zusammengefüget wird.

§. 124. Weil dieses vieleicht noch kein Mensch gesagt, auch wol schwerlich gedacht haben mag, so wird mancher meinen, ich suchte etwas in diesen Dingen, das nicht darin zu finden, sondern in meinem eignen Gehirn jung geworden sey. Aber ich kans einem ieden fast handgreifflich vor Augen legen, daß obige drey Umstände, einfolglich der daraus bestehende Affect, in einer guten Courante anzutreffen sind, und seyn müssen. Laßt uns eine alte, sehr bekannte Melodie dazu aussuchen: denn die neuen fahren nicht nur aus der Gleise; sondern man mögte auch einwerffen, ich hätte sie selber nach meinem Sinn so gemacht und eingerichtet, nur zur Behauptung des obigen Satzes von der Hoffnung. Ich bin gewiß Versichert, wenn die Liebhaber der Laute ihre Couranten untersuchen, sie werden es eben so wahr, als bey folgender, befinden.

§. 125. [Notenbeispiel S. 231]

§. 126. Bis an die Helffte des dritten Tacts, wo das + stehet, ist was hertzhafftes in dieser Melodie, absonderlich gleich im allerersten Tact: Das wird niemand leugnen können. Von da bis an die Helffte des achten Tacts, wo eben dasselbe Zeichen des Kreutzes befindlich ist, äussert sich ein Verlangen; bevorab in den drittehalb letzten Täcten, und mittelst der wiederholten Cadentz in die Quint unterwärts; endlich erhebt sich gegen das Ende eine kleine Freude, zumahl im neunten Tact.

§. 127. Eine ziemliche Anzahl solcher Couranten, darunter viele noch besser, und im geometrischen Verhalt richtiger, sind von mir auf diese Art untersuchet worden; Aber alle von ächten und bewährten Verfassern, die es aus natürlichem Triebe, par instinct, ohne Absicht und Vorsatz getroffen haben. Und es hat sich immer die Wahrheit dessen, was ich hier von der Gemüths=Bewegung, anführe, darin erwiesen. Ich könnte gar leicht von allen andern Gattungen solche Proben beibringen und aus einander legen; Aber so würden wir die uns gesetzte Schrancken weit überschreiten.

<232> §. 128. In Clavier= Lauten= und Violdigamben=Sachen gehet

XIV. Die Allemanda, als eine aufrichtige Teutsche Erfindung, vor der Courante, so wie diese vor der Sarabanda und Gique her, welche Folge der Melodien man mit einem Nahmen Suite nennet. Die Allemande nun ist eine gebrochene, ernsthaffte und wol ausgearbeitete Harmonie, welche das Bild eines zufriedenen oder vergnügten Gemüths trägt, das sich an guter Ordnung und Ruhe ergetzet.

§. 129. Man hat auch einen sonderlichen Tantz, der mit dem Allemanden=Nahmen beleget wird; ob er wol einem Rigaudon viel ähnlicher siehet, als einer rechten Allemande. Noch eine andre, und zwar die dritte Gestalt gewinnet diese Gattung bey den welschen Componisten für die Violine: Womit sie der teutschen Art wol ein wenig näher kommen, als die Frantzosen; Doch weit vom Ziel schiessen. Der Unterschied läßt sich besser in den Noten=Wercken sehen, als mit Worten beschreiben. Masciti und Händel können zu Mustern dienen: Jener in den gegeigten, dieser in den Clavier=Allemanden. Ihre Sachen sind gedruckt. Gesungen werden die Allemanden nicht, so viel ich bisher wüste; Wiewol ich selber auf den Allemanden=Tantz ehmahls Worte zum Singen gemacht habe.

§. 130. Die Instrumental=Music hat ferner eine eigene Gattung der Melodien an der ins besondre so genannten

XV. Aria,

mit und ohne Verdoppelungen, die im Welschen Partite heissen; im Frantzösischen Doubles.

Diese Spiel=Arie hat sowol auf dem Clavier, als auf allerhand andern Instrumenten Platz, und ist gemeiniglich eine kurtze, in zween Theile unterschiedene, singbare, schlechte Melodie, die nur mehrentheils darum so einfältig aufgezogen kömmt, daß man sie auf unzehlige Art kräuseln, verbrämen und verändern möge, um dadurch, wiewol mit Beibehaltung der Grund=Gänge, seine Faustfertigkeit sehen zu lassen. Der Affect mögte wol auf eine Affectation hinauslauffen: wiewol in der schlechten und gründlichen Melodie, an und für sich selbst, verschiedene Gemüths=Bewegungen angebracht werden können.

§. 131. Zu Frobergers Zeiten, etwa vor 70 bis 80 Jahren, war dieser Partiten=Geist dermaassen eingerissen, daß nicht nur auf besondere kleine Arien, oder Arietten, z. E. auf ein so genanntes Lantürlü=Liedlein, wenigstens ein halb Dutzend Variationen herhalten musten; sondern selbst die Allemanden, Couranten &. wurden damit angesteckt, und kamen nicht ohne Brüche, krumme Sprünge und vielgeschwäntzte Noten davon. Mir ist es eine Freude, daß dieser Geschmack, sonderlich auf dem Clavier, ziemlich gefallen ist, und Kuhnau war, meines Behalts, der erste, der es wagte, eine harmoniöse Arie, wo die Mittelstimmen nicht still sitzen, ohne dergleichen unbequemes Gefolge, im ersten Theil seiner Clavier=Uibung No. 63 ans Licht zu stellen.

§. 132. Noch eine gewisse Gattung, ich weiß nicht ob ich sagen soll der Melodien, oder der musicalischen Grillen, trifft man in der Instrumental=Music an, die von allen übrigen sehr unterschieden ist, in den so genannten

XVI. Fantasie, oder Fantaisies, [FN] deren Arten sind

die Boutades,

Capricci,

Toccate

Preludes,

Ritornelli &.

Ob nun gleich diese alle das Ansehen haben wollen, als spielte man sie aus dem Stegreife daher, so werden sie doch mehrentheils ordentlich zu Papier gebracht; halten aber so wenig Schrancken und Ordnung, daß man sie schwerlich mit einem andern allgemeinen Nahmen, als guter Einfälle belegen kan. Daher auch ihr Abzeichen die Einbildung ist.

<233> §. 133. Die grösseste unter den Tantz=Melodien ist wol

XVII. Die Ciacona, Chaconne,

mit ihrem Bruder, oder ihrer Schwester, dem Passagaglio, oder Passecaille.

Ich finde wircklich, daß Chacon ein Geschlechts=Nahm ist, und der Befehlshaber oder Admiral von der spanischen Flotte in America An. 1721 Mr. Chacon geheissen hat. Mir sollte diese Ableitung besser, als jene vom persischen Schach, die in einem gewissen Wörterbuche stehet, gefallen. Von der Passe - caille könnte mans endlich paßiren lassen, daß sie so viel bedeute, als passe - rüe, wie Menage behaupten will.

§. 134. Die Chaconne wird gesungen und getantzt, bisweilen zu gleicher Zeit, und wenn solche Lustbarkeit wol abgewechselt wird, gibt sie schon ein ziemliches Vergnügen; doch allzeit mehr Ersättigung als Wolschmack. Wie ich denn auch kein Bedencken trage, ihren eigentlichen Character mit der erstgenannten Eigenschafft auszudrücken. Man weiß, wie leicht die Ersättigung den Eckel und Abscheu gebieret, und wer diese Gemüths=Bewegungen bey manchem aufbringen wollte, dürffte nur ein Paar Chaconnen dazu bestellen, so wäre die Sache richtig.

§. 135. Sonst bestehet der Unterschied zwischen der Chaconne und Passecaille in vier Dingen, darüber man eben so leicht nicht hinwischen kan. Diese vier Merckmahle sind folgende: Daß die Chaconne bedächtlicher und langsamer einhergehet, als die Passecaille, nicht umgekehrt; daß jene die grossen Ton=Arten, diese hergegen die kleinen liebet; daß die Passecaille nimmer zum Singen gebraucht wird, wie die Chaconne, sondern allein zum Tantzen, daraus natürlicher Weise eine hurtigere Bewegung entstehet; und endlich, daß die Chaconne ein festes Baß=Thema führet, welches, ob man gleich zur Veränderung, und aus Müdigkeit, bisweilen davon abgehet, doch bald wieder zum Vorschein kömmt und seinen Posten behauptet; da hingegen sich die Passecaille an kein eigentliches Suject bindet, und schier nichts anders von der Chaconne behält, als das blosse, doch um etwas beschleunigte, Mouvement. Welchen Umständen nach man billig der Passecaille den Vorzug vor der Chaconne zu geben Ursache hat.

§. 136. Weil sich die Italiener ungern mit Ouvertüren abgeben, so haben sie, an deren Statt, eine andre Gattung eingeführet, nehmlich

XVIII. Die Intrada.

Der Affect, den sie erwecken soll, ist ein Verlangen [FN] nach mehrem: weil sie gemeiniglich, als eine Einleitung, viel gutes von dem folgenden Wercke verspricht. Ob es allemahl gehalten wird, stehet dahin. Die weitere Beschreibung und Eigenschafft einer Intrade würde nur zum Uiberfluß hier wiederholet werden; Brossard, Walther, das Orchester geben hierüber Nachricht genug.

§. 137. Eine weit vornehmere Stelle unter den Gattungen der Instrumental=Melodien bekleidet

XIX. Die Sonata,

mit verschiedenen Violinen oder auf besondern Instrumenten allein, z. E. auf der Queerflöte &. deren Absicht hauptsächlich auf eine Willfährig= oder Gefälligkeit gerichtet ist, weil in den Sonaten eine gewisse Complaisance herrschen muß, die sich zu allen bequemet, und womit einem ieden Zuhörer gedienet ist. Ein Trauriger wird was klägliches und mitleidiges, ein Wollüstiger was niedliches, ein Zorniger was hefftiges u.s.w. in verschiedenen Abwechselungen der Sonaten antreffen. Solchen Zweck muß sich auch der Componist bey seinem adagio, andante, presto &. vor Augen setzen: so wird ihm die Arbeit gerathen.

§. 138. Seit einigen Jahren hat man angefangen Sonaten fürs Clavier mit gutem Beifall zu setzen: bisher haben sie noch die rechte Gestalt nicht, und wollen mehr gerühret werden, als rühren, d. i. sie zielen mehr auf die Bewegung der Finger, als der Hertzen. Doch ist die Verwunderung über eine ungewöhnliche Fertigkeit auch eine Art der Gemüths=Bewegung, die nicht selten den Neid gebietet; ob man gleich saget, ihre eigene Mutter sey die Unwissenheit. Die Frantzosen <234> werden nun auch in diesem Sonaten=Handel, so wie in ihren neuern Cantaten, zu lauter Italienern; es läufft aber meist auf ein Flickwerck, auf lauter zusammengestoppelte Cläusulgen hinaus, und ist nicht natürlich.

§. 139. Die stärckeste Vollstimmigkeit unter allen erfordert das eigentlich so genannte

XX. Concerto grosso,

als eine Instrumental=Piece von lauter Violinen [...]. Die Affecten des starcken Concerts sind mancherley und abwechselnd, wie in den Sonaten, doch nicht so häuffig: Denn die Wollust führet in den Concerten dieser Art das Regiment.. Auf die vollständige Besetzung kömmt das meiste an, ja, man treibt sie bis zur Unmässigkeit, so daß es einer reichen Tafel ähnlich siehet, die nicht für den Hunger, sondern zum Staat gedeckt ist. Daß es in dergleichen Wettstreit, davon alle Concerten ihre Nahmen haben, an einer angestellten Eifersucht und Rache, an einem gemachten Neid und Haß, ingleichen an andern solchen Leidenschafften nicht fehle, kan ein ieder leicht erachten.

§. 140. Eine mäßigere Gattung giebt

XXI. Die Sinfonia, Symphonie

da Chiesa, in der Kirche,

di Camera, in der Kammer,

del Drama, in der Oper

welche, ob sie gleich auch eine ziemliche Besetzung von Streich= und Blase=Instrumenten zugleich erfordert, dennoch so verwehnt und üppig nicht seyn darff, als das große Concert. Denn, unangesehen die Symphonien den vornehmsten Sing=Spielen zur Oeffnung dienen, so wie die Intraden den geringern, haben sie doch kein so wollüstiges Wesen an sich. In Kirchen müssen sie noch bescheidener eingerichtet werden, als auf der Schaubühne und in zimmern. Ihre Haupt=Eigenschafft besteht darin, daß sie in einem kurtzen Begriff und Vorspiel eine kleine Abbildung desjenigen machen, so nachfolgen soll. Und da kan man leicht schliessen, daß die Ausdrrückung des Affecten in einer solchen Symphonie sich nach denjenigen Leidenschafften richten müsse, die im Wercke selbst hervorragen.

§. 141. [...] XXII. Die Ouverture, deren Charakter die Edelmuth seyn muß, und die mehr Lobes verdient, als Worte hieselbst Raum haben. [...]

§. 142. Das wäre also aufs kürtzeste, ein wenig mehr, als ein blosses Verzeichniß der Melodien=Gattungen und ihrer Abzeichen, iedoch nur der gebräuchlichsten, vornehmsten und bekanntesten, die noch von niemand sonst in rechte Ordnung gebracht, vielweniger ihre Arten, Eigenschafften, Abzeichen und Affecten berühret worden sind. Wenn man nun von ieder Gattung alles dasjenige sagen wollte, was davon zu sagen ist, und dabey deren mannigfältigen Nutzen, auch ausser ihren Kreisen, die Umstände, Misbräuche und Zufälle untersuchen, sodann die Artickel mit deutlichen und ausführlichen Beispielen erläuterte (welches eben keine ungereimte oder unnöthige Arbeit wäre, die vieleicht einem andern vorbehalten ist) so würde ein grosses Buch aus diesem einzigen, bereits über die Gebühr angewachsenen, Haupt=Stücke entstehen.

§. 143. Und da es mit den andern Haupt=Stücken grössesten Theils fast eine gleiche Bewandtniß hat; unsre Absicht aber, vermöge des Titels, nur auf eine Anzeige gerichtet ist: so wenden wir uns hiemit weiter, und überlassen dem Lehrbegierigen diese Materie zu weiterm Nachsinnen mit dem Bedencken, daß, gleichwie ein Gottesgelehrter die Bibel viel genauer einsiehet und lieset, als ein Laye, so auch denen eine schärffere Untersuchung der Melodien nöthig sey, die Componisten (bevorab zum Lobe Gottes) seyn wollen, als denen, die nur vom Zuhören Wesen machen. Wozu denn die bereits ernannte Schrifft=Steller oder Verfasser guter Regeln und Anmerckungen zwar eine hülffliche Hand bieten; doch der eigene Fleiß und die ernstliche Betrachtung schöner Notenwercke, absonderlich der Telemannischen, den grössesten Vortheil bringen können.

entnommen aus

http://www.koelnklavier.de/mattheson/1739_2_13b.html